Biographie

Mein Leben, die Musik und ich

Wie startet man am besten einen kurzen, klassischen Abriss einer Biografie? Was soll ich euch über mein Leben erzählen? Etwas, das ihr noch nicht wisst; etwas, das noch nicht über mich geschrieben, gesagt oder getratscht wurde? Nimmt man nur einmal die letzten vier Jahre, so erscheinen sie mir immer wieder lebendig und voller Farben vor meinem geistigen Auge. Sie waren laut, ereignisreich und frenetisch. Die vielen Jahre davor, bevor wir uns entschieden haben, den Onkelz „neues Leben einzuhauchen“, wie Kevin es nannte, waren nicht minder besonders. Jeder von uns schwamm sich auf seine eigene Art frei, auch wenn Grabenkämpfe, übergroße Egos und Drogenprobleme stets omnipräsent auf allen Seiten waren. Ich will hier, an dieser Stelle, nicht weiter auf die jüngere Geschichte der Böhsen Onkelz eingehen. Zum einen, weil sie bereits mehrfach niedergeschrieben wurde – jüngst erst von unserem Team in der offiziellen Timeline und Discographie, beides zu finden auf www.onkelz.de, zum anderen, weil ich gerne einmal den Blick auf eine andere Perspektive eröffnen möchte. Eine Perspektive, die im Onkelz-Kontext wenig Platz findet, weil sie dort nicht hingehört, zu persönlich und zu viel „Gonzo“ ist, aber deshalb genau von euch gelesen gehört. Deshalb widme ich mich einem Projekt, das mein Leben und das meines Umfelds in den Fokus rückt, ohne dabei egozentrisch, unsensibel, indiskret oder eitel zu sein. Eine spannende Aufgabe 😉

Das Geschriebene hier, auf diesen Seiten, soll euch auf das vorbereiten, was kommt. Eine Geschichte, deren Wahrheitsgehalt am Ende des letzten Satzes auf der letzten Seite bei annähernd 100% liegen soll, auch wenn sicher falsch abgebogene Erinnerungen, und von Freunden und Familien kolportierte Augenzeugenberichte, das Gesamtbild ein bisschen subjektivieren werden. Das ist normal, dazu stehe ich und deshalb ist es auch meine Geschichte, nicht die von irgendjemand anderem.

Sie wird davon handeln, wie ich in Frankfurt, zu Beginn der Sechziger, meine Kindheit verbrachte, wie ich dann, ab den „Mid-Seventies“, die härteren Töne zu lieben lernte und mit 13, 1975, meine erste Gitarre mein Eigen nennen konnte. Meine Geschichte wird erzählen, wie ich mich als Punk in dieser Großstadt am Main orientieren musste, wer meine musikalischen Vorbilder waren (und ja, auch zum zigsten Mal, warum ich den Spitznamen Gonzo trage) und in welchen Bands ich vorher mein Glück gesucht habe.

Die Geschichte wird von Politik handeln, von den gesellschaftlichen Problemen, mit denen wir damals und heute zu kämpfen haben. Sie wird versuchen zu erklären, warum man als Punk- und, wichtiger, als Musiker und Mensch, Rückgrat braucht, um sich im Leben und im Business behaupten zu können. Außerdem, natürlich, wird sie von dem schicksalhaften Tag berichten, an dem mich ein großmäuliger, stadtbekannter Punk mit Schlangenlederschuhen an einer Bushaltestelle angequatscht hat und mir erklärte, welche Linie ich zum sagenumwobenen Jugendzentrum in Bockenheim nehmen müsste. Neben ihm zwei weitere Typen, etwas jünger als ich, mit nicht weniger krass aussehenden Klamotten. Einer von den beiden, ich erinnere mich genau, hatte wild abstehende grüne Haare. Seine abgetragene Lederjacke war voll mit „Anarchy“ Patches behangen. Ein paar Tage später stieß ich zu den drei komischen Typen in die Band, von der ich mir – bis auf krasse Partys und der totalen Rebellion – nicht viel versprach. Nicht, weil sie nicht viel konnten. Nein. Weil sie gar nichts konnten. Und der Name erst… „BÖHSE ONKELZ“.

Meine Geschichte wird erzählen, wie es uns in den ersten Jahren der Bandgeschichte erging, in denen der Spirit der Onkelz so stark war, dass ständig Unbeschwertheit, Glück, Chaos und ein bisschen Revolution in der Luft lagen. So, wie heute auch wieder. Nichts und niemand schränkte uns ein, oder gab uns künstlich gezogene Grenzen vor. Die hätten wir eh nicht akzeptiert. Daher wird diese Geschichte sich auch nicht wiederholen; sie wird kein Biographie-Ersatz der Onkelz, kein „Danke für Nichts II“, sondern sich dem Thema immer wieder annähern, auf einzelne Epochen eingehen, die mir im Band-Kontext besonders wichtig sind, um dann wieder eine schnelle Abbiegung nach links oder rechts, nach geradeaus oder gegen eine Wand zu nehmen. Das, was an besonders einprägsamen Momenten, guten wie schlechten, in den dreieinhalb Jahrzehnten Böhse Onkelz hängen geblieben ist, wird sich in meiner Geschichte wiederfinden.

Aber, und das ist mir mindestens genauso wichtig, wie der Teil, der sich um den Gitarristen „Gonzo“ der Onkelz dreht: Es wird ebenfalls viel Persönliches verarbeitet werden.

Wie viele berühmte, geniale und ausgesprochen talentierte Musiker, Schauspieler oder andere Künstler haben sich durch Koks und H zugrunde gerichtet? Ich kann nicht mehr mitzählen. Drogen werden also auch einen ganz eigenen Platz in meiner Geschichte einnehmen. Nicht nur, weil sie die Onkelz zerstört haben und diese Band dann erst, zehn Jahre später, mit viel Glück und vergossenem Blut wieder repariert werden konnte, nein, auch, weil ich ganz persönlich mit diesem Thema in meiner eigenen Familie zu tun hatte.

Das überall vorherrschende Thema wird Musik sein. Ohne Musik wäre die Welt ein trauriger Ort. Nietzsche behauptete gar, ohne Musik sei alles, selbst das Leben, ein Irrtum. Ich gebe ihm Recht. Mein Pulsschlag hat eine hohe Frequenz, für Stillstand und Pausen gibt es keine Zeit. Mein Herzschlag ist ein Metronom, pumpt wie eine Bassdrum. Meine Finger entwickeln ein Eigenleben, sobald ich ein Plektron zwischen Zeigefinger und Daumen und eine Gitarre in der Hand habe. Mein Mund verzieht sich und durchlebt jeden Ton. Ich lege alles an Emotionen, alles an Liebe und Wertschätzung was in mir ist, in jeden Song, den ich spiele.

Stephen King hat einmal gesagt, dass er jeden Tag schreiben muss. Aber eben nicht, weil er muss, sondern weil er will. Er sagt, er hätte es niemals über den Status eines Lehrers mit Schriftstellerambition geschafft, wenn er das Schreiben nicht wirklich gewollt hätte. Weil gutes Handwerk einschläft, wenn man es nicht tagtäglich trainiert. Genauso geht es mir auch. Es vergeht kein Tag, meistens noch nicht mal, wenn ich mit meiner Familie im Urlaub bin, an dem ich nicht Gitarre spiele, Ideen zu Papier bringe oder mich sonst auf irgendeine Art und Weise, der Musik annähere. Das ist mein Leben. Mein „Way of Life“, zu dem noch viele andere Punkte gehören. Aber wenn es so etwas, wie das oben angesprochene, alles beherrschende Meta-Thema gibt, das sich wie Schicksalsflügel über die Wege und Wiege meines Lebens ausgebreitet hat, dann ist es die Musik. In all ihren Facetten und in all ihrer Schönheit.

Es wird Platz für meine Familie geben. Sie wird ebenso zu Wort kommen, wie meine engsten Freunde und diejenigen, mit denen ich so viel Zeit in meiner Karriere verbracht habe, und doch kaum etwas über den Einzelnen weiß: ihr. Und was Klaus Farin kann, kann ich schon lange (zwinker, zwinker), deshalb sei hier ein Aufruf an alle unter euch gestartet, die den Text bis hierhin gelesen haben und deren Vorfreude auf das, was da im Laufe des nächsten Jahres kommen wird, geweckt wurde. Was verbindet ihr mit Musik? Erzählt mir eure Geschichte, die gerne persönliche Verknüpfungen mit mir, den Onkelz oder meiner Matt Gonzo Roehr Band haben darf, und wir werden ausgesuchte Teile davon mit in die Geschichte einfließen lassen. Schickt sie mir an:

management@gonzomusic.com

Das soll es vorab gewesen sein. In den nächsten Monaten werde ich, neben einem neuen Solo-Album, weiter an dieser, meiner Geschichte arbeiten. Ich freue mich darauf, von euch zu hören, von euch zu lesen, und euch – hoffentlich schon sehr bald – wiederzusehen.

Matt Gonzo Roehr im Juni 2017